Mittwoch , 8 Dezember 2021
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Hafiz und Musik

von Dr. Thomas Ogger | Ḫwāǧa Šams ad-Dīn Muḥammad Ḥāfiẓ-i Širāzī wird auch lisānu’l-ġaib, »die verborgene Zunge«, genannt, denn er drückte in dieser Sprache Unaussprechliches aus, wobei er sich selbstverständlicherweise der gesprochenen Sprache der Menschen bediente.

Gewiss half ihm dabei, dass er das Wort Gottes, den Koran, in seinem Gedächtnis aufbewahrt hatte (daher sein Ehrentitel Ḥāfiẓ). Und so ist sein Gedichtswerk, der Dīwān-i Ḥāfiẓ, eine Synthese, die sich aus der durch den Propheten Mohammed geoffenbarten Sprache Gottes und seiner eigenen Sprache zusammensetzt.

Seine Äußerungen, die sich über scheinbar verständliche – oder auch missverständliche – Sinn-Bilder mitteilen, stehen in ihrer Art beinahe einzigartig da. Und so nimmt es nicht wunder, dass dieser Ḥāfiẓ aus der Menge der Ḥuffāẓ einsam herausragt. Während nämlich die meisten anderen Ḥuffāẓ das Wort Gottes im Gedächtnis behielten, um es unverfälscht den anderen Gläubigen weiterzugeben, setzte Šams ad-Dīn Muḥammad, der Meister aus Schiras, das Wort Gottes um und goss es in die Form seines Dīwāns.

Da der Koran selbst eine sonst unerreichte Ebene der hohen Dichtkunst – somit ein sprachliches Abbild der Schönheit Gottes – darstellt, ist es beinahe selbstverständlich, dass sich Ḥāfiẓ hauptsächlich der Form der Ghasele, einer besonders schönen und ausdrucksstarken Gedichtform, bediente. Mittels dieser Ausdrucksweise offenbart er sich als Mystiker mit seinen scheinbaren Widersprüchlichkeiten, wobei seine »verborgene Sprache« mit dem griechischen Begriff mystós (»verschwiegen«) korrespondiert. Ein Mystiker ist demnach jemand, der genau weiß, dass die Herrlichkeit Gottes in ihrer Alldimensionalität für den gewöhnlichen Menschenverstand unfassbar ist. Da es jedoch in der menschlichen Natur liegt, sich mitzuteilen, kann sich auch der Mystiker dieser seiner menschlichen Natur nicht entziehen. Und so benutzt er eine Sprache, die sich scheinbar irrational, d. h. nicht der menschlichen Ratio bzw. Logik entsprechend, in Sinnbilder und sprachliche Formen kleidet, die von denen erfasst werden, die dafür empfänglich sind und die notwendigen geistigen Voraussetzungen mitbringen. Sie erspüren in dieser »verborgenen Sprache« eine große unaussprechliche Wahrheit bzw. Wirklichkeit, die hinter dem existiert, was sich dem Menschen nur vordergründig physisch und fassbar manifestiert.

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dpa

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