Aspekte mystischer Dichtung: Hafis und Attar im Ver­gleich

Dr. Katja Föllmer | Der Diwan von Schams al-Din Mohammad Hafis aus Schiras (ca. 1319-1389) ist ein Monument persischer Literatur und aufgrund seiner Zeit und Raum übergreifenden Bedeutung Teil der Weltlite­ratur. Schon zu seinen Lebzeiten war Hafis in Indien und weiten Teilen des Mittleren Ostens bekannt.[1] Er genoss große Popularität unter den Musaffariden am Hofe der Herrscher von Schiras, Isfa­han und Yasd und verfügte über ausgezeichnete Kenntnisse des Koran, was ihn zur Lehre in der Madrasa befähigte.[2]

Noch heute ist Hafis’ Diwan als einzigartiges literarisches Zeugnis eng mit der iranischen Alltagskultur verbunden. Jeder Iraner und jede Irane­rin kennt und gebraucht den Diwan oder Auszüge daraus entweder, um sich an der Schönheit seiner Sprache und Dichtung zu erfreuen oder um aus ihm Antworten auf bestimmte Lebensfragen zu bekommen.

Bereits wenige Jahrzehnte nach dem Tode von Hafis, Ende des 14. Jahr­hunderts, war das Werk derart verbreitet, dass es stilprägend für die nächsten Dichtergenerationen werden konnte, und diese sich in ihrer Kunstfertigkeit zu übertreffen suchten.[3]

Die Zahl der Hafis zugeschriebenen Ghaselen-Gedichte vergrößerte sich im Laufe der Jahrhunderte und ihre Reihenfolge variierte in den ver­schiedenen Sammlungen. Dies stellte die Hafis-Forschung vor die große Herausforderung, den Diwan in seinen richtigen lite­rarischen und histori­schen Kontext einzuordnen und die Varianzen seiner Dichtung insbeson­dere in Bezug auf die islamische Mystik zu erklären, zumal nur wenig an historischen Fakten über das Le­ben des Dichters überliefert ist. So gibt es häufig Erklärungsversu­che, die den Diwan eng verbunden mit den ver­schiedenen Bege­benheiten im Umfeld von Hafis’ Leben sehen. Unstrittig ist jedoch, dass ähnlich wie bei Farid al-Din Attar aus Nischabur (ca. 1136-1221), die Popularität Hafis’ Dichtung zur Entstehung der Gedichtesammlung des Diwan sowie zu zahlreichen Nachahmun­gen und nachträglichen Ergänzungen des Diwan beigetragen hat, die schließlich zu Unterschieden in der Textgestalt und Reihenfolge einzelner Ghaselen führten.[4] Unbestritten sind die spezifischen Cha­rakteristika der Komposi­tion, die berühmte deutsche Dichter wie Goethe und Rückert inspirierte.

Seit dem 18. Jahrhundert stehen die Ghaselen von Hafis für die Begeg­nung der östlichen und westlichen Kulturen.[5] Verglichen mit anderen Werken der klassischen persischen Literatur wird die Dichtung von Hafis als innovativ betrachtet. Roger Lescot (1914-1975) zählt dazu unter an­derem, die Bevorzugung der Ghaselen-Form anstelle von Qasiden,[6] die Wahl neuer Themen über mysti­sche und weltliche Liebe sowie die Ab­kehr von einer geschwolle­nen, gekünstelten Ausdrucksweise.[7] So wie Hafis die persische Dichtung vorangetrieben hatte, so hat er auch die Kunst der Chro­nogramme, Anagramme und die Rhetorik weiterentwickelt.[8]

Während der mystische Islam im Westen relativ gut erforscht ist, finden wir, gemessen an der Bedeutung und ungebrochenen Popu­larität des Di­wan in Iran und den angrenzenden persisch-sprachigen Regionen, eine relativ überschaubare Anzahl wissenschaftlicher Abhandlungen westli­cher Experten zu Hafis. Die Übersetzungen des Diwan im Westen und insbesondere im deutschen und angel­sächsischen Raum sind hingegen zahlreicher. Die erste deutsche Übersetzung von Hafis’ Ghaselen von Joseph Hammer-Purgstall (1774-1856), von der Goethe zum Verfassen des west-östlichen Diwans inspiriert wurde, feiert im Jahr 2012-13 be­reits ihr 200-jähriges Jubiläum.

Der Frage nach der Faszination und mystischen Dimensionen des Diwan im Vergleich zur mystischen Allegorie des Farid al-Din Attar aus Nischabur, Die Konferenz der Vögel (Manteq al-tair), soll im Folgenden nachgegangen werden, da diese Werke derart populär waren, dass sie viele Dichtergenerationen nach ihnen be­einflussten.

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Aspekte mystischer Dichtung: Hafis und Attar im Ver­gleich

[1] Arberry 1958, S. 332, 356-7; Alston 1996, S. 40.

[2] Rypka 1968, S. 264-5.

[3] Hafis beeinflusste zunächst den irakischen Stil im 14. Jh. und später den Safawiden- oder indischen Stil persischer Dichtung, Yarshater 1986, S. 982.

[4] Rehder 1974, S. 147-48; Roemer 1951, S. 100-101; Schimmel 1988, S. 11f.

[5] Arberry 1958, S. 333.

[6] Die Qaside ist ursprünglich die etablierte Form für panegyrische Dichtung, die Ghasele wurde vorzugsweise für Liebes- und mystische Dichtung verwendet. Hafis verbindet nun alle drei Funktionen in seinen Ghaselen.

[7] Lescot 1943-44, S. 3.

[8] Windfuhr 1990, S. 403, 413.

 

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