Mittwoch , 1 Februar 2023
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Das Zerrbild der deutschen Medien vom Iran

Von Dr. Markus Fiedler | Seit dem Tod der 22-jährigen Kurdin Mahsa Amini vermitteln die deutschen Mainstream-Medien dem deutschen Publikum mehr als zuvor das Bild eines beim Volk verhassten blutrünstigen “Mullah-Regimes”, das durch Massenproteste erschüttert wird und das sich nur durch gnadenlose Unterdrückung bzw. Gewalt an der Macht hält. Mit dieser Art der Berichterstattung unterstützen die deutschen Medien die unverhohlenen Regime Change- und Destabilisierungsversuche der USA. Erinnert sei hier daran, dass in den USA bspw. 400 Millionen Dollar zur Destabilisierung des Iran ganz offen vom Parlament bewilligt wurden, was eindeutig völkerrechtswidrig ist.[1]

Als Resultat der medialen Berichterstattung wird den deutschen Medienkonsumenten ein Zerrbild von der Situation im Iran vermittelt, das mit der realen Situation im Land nichts mehr zu tun hat.  Die Manipulation erfolgt bereits mittels der Sprache. Wenn vom Iran die Rede ist, so ist in den Medien vom “Mullah Regime” oder nur vom “Regime” die Rede. Haben Sie, verehrte Leserin oder verehrter Leser, schon einmal gehört, dass jemals im Zusammenhang mit einem anderen Golfstaat, die gewiss nicht demokratischer als der Iran sind, von einem ‚Regime‘ die Rede ist?

  1. Steht das politische System im Iran durch Massenproteste am Abgrund?

Es wird seit Wochen berichtet, dass es seit dem Tod von Mahsa Amini “systemkritische Massenproteste” im Iran geben würde. Die Vorwürfe, dass Amini eines gewaltsamen Todes starb, können inzwischen als widerlegt gelten. Es wurde ein Video aus dem Schulungsraum veröffentlicht[2] , das die Teilnehmer der Schulungsmaßnahme, an der Amini zur Strafe teilnehmen musste zeigt. In diesem Video ist Amini deutlich erkennbar. Man sieht, wie sie sich plötzlich an den Kopf fasst, an einem Stuhl festhält und dann ohne Fremdeinwirkung kollabiert. Eine Fälschung dieses Videos erscheint kaum möglich, auch würden ja die vielen möglichen Zeugen in dem Video ein großes Risiko darstellen.

Wie mir nicht nur vertrauenswürdige Informanten aus dem Iran berichteten, gibt es seitdem Proteste, aber meist in kleinen Gruppen, manchmal auf der Straße oder in Universitäten. Dies sei kein Vergleich mit den großen Demonstrationen nach der angeblichen Wahlfälschung von 2009. Es gibt auch keinen Ausnahme- oder Belagerungszustand im Iran.

Erstaunlicherweise wurde vor Kurzem in der FAZ zu einer nüchternen und besonnenen Betrachtungsweise aufgerufen. Rainer Hermann schrieb in seinem Artikel “Die Mullahs stürzen noch nicht” u.a. Folgendes: “Wer glaubt, in Teheran wanke das Regime, ist naiv. Das will die iranische Diaspora – auch bei uns – nicht hören und feindet nüchterne Betrachter an.”[3] Und es heißt dort weiter: “Der politische Diskurs zu Iran hat seine Orientierung verloren. Wenn man überhaupt noch von einem Diskurs sprechen kann.”  Die zerstrittenen Exiliraner wollten nicht hören und wahrhaben, dass das politische System im Iran nicht vor dem Sturz stehe, so Hermann. Wer etwas anderes sage, werde von ihnen bedroht. Mit allen Mitteln wollen sie das Bild vermitteln, dass sie ganze Städte befreit haben und den Demonstrationen einen größeren Anschein verleihen. Dazu sind zahlreiche Fake-Videos in den sozialen Medien im Umlauf.

Und das kommt nicht von ungefähr.  Die „Washington Post“ berichtete unlängst, dass das Pentagon eine umfassende Überprüfung all seiner Online-Aktivitäten für psychologische Kriegsführung eingeleitet hat. Das für den Nahen Osten zuständige CENTCOM der US-Streitkräfte nehme v.a. im Iran über die sozialen Medien mittels Verbreitung von Fake News einen immer größer werdenden Einfluss auf die Meinungsbildung. CNN berichtete vor wenigen Tagen, dass in einer Stichprobe von 108.000 Konten mit dem Hashtag #OpIran im September etwa 13.000 erstellt worden seien, während die durchschnittliche Anzahl monatlich nur 500 betragen würde. Die meisten der September-Konten wurde innerhalb von zehn Tagen nach Aminis Tod eingerichtet. Der Tod von Amini wird instrumentalisiert, um einen längst geplanten Regime Change durchzuführen. Es stellt sich die Frage, welche Rolle die deutschen Mainstreammedien dabei spielen. Bilder oder Videos von den gewaltigen Demonstrationen im ganzen Land, die zur Unterstützung des politischen Systems abgehalten wurden, waren nicht zu sehen, aber das würde ja das Narrativ gefährden, dass sich die Massen im Iran gegen das “Regime” wenden würden.

Halten wir zunächst einmal fest: Das politische System im Iran ist in Wirklichkeit durch die kleine Zahl der Demonstranten nicht gefährdet und es steht alles andere als am Abgrund.

  1. Wer setzt hier auf Gewalt?

Viele in den sozialen Medien verbreitete Fake News werden auch von den “Qualitätsmedien” und der Politik unkritisch aufgegriffen und sprengen inzwischen jeden Rahmen. Als ein Beispiel sei die Meldung genannt, dass die iranische Regierung mindestens 15.000 Demonstranten im Iran zur Abschreckung zum Tod verurteilt habe, was sich längst als Fake News herausgestellt hat. Zahlreiche Prominente, darunter der kanadische Premierminister Justin Trudeau, teilten via Instagram Beiträge über angebliche Informationen über die Massenverurteilung tausender Demonstranten im Iran. Trudeau kennzeichnete dies später als “fälschliche Information” – an der öffentlichen Darstellung von Iran wird das aber kaum etwas ändern. Fast in jedem Bericht über Iran wird kolportiert, dass das “Regime” Demonstrationen gewaltsam unterdrücke.

Wie zahlreiche Videos nach dem Tod Aminis belegen, waren zunächst zahlreiche (männliche) Randalierer unterwegs, so viel auch zum Westen kolportierten Bild, es handele sich v.a. um einen Aufstand der Frauen. Dann kam es zu gewalttätigen Angriffen, die man nur als Terrorismus bezeichnen kann. So eröffneten bspw. Angreifer auf zwei Motorrädern auf einem Markt in der Stadt Iseh das Feuer auf Sicherheitskräfte. Unter den Opfern sind seit Beginn der angezettelten Unruhen auch zahlreiche Polizisten. Demonstranten zünden Polizeifahrzeuge an und werfen mit Steinen, in Maschhad wurde ein Polizist angezündet. Sind das die friedlichen Demonstranten, die man angeblich im Westen am Werke sieht?

Vergessen darf man auch nicht die Waffenlieferungen der USA an die Kurden. Das alles dient dem Plan zur “Syrisierung” des Landes – den Iran zu destabilisieren, wenn der Regime Change schon nicht gelingen kann. Verschwörungstheorie? Das kann man in US-Medien selbst nachlesen. 

  1. Der Umschlag ins Absurde

Verfolgt man die Berichterstattung in unseren Tagen, so gewinnt man den Eindruck, dass die deutschen Mainstreammedien immer mehr in ihrer eigenen Wunschwelt leben, nach dem Motto: “Ich mache mir die Welt, wie sie mir gefällt.” Wurde in der Vergangenheit z.B. schon nach der Ermordung General Soleimanis in deutschen Medien kolportiert, dass die Iraner diese feiern würden (er ist im Iran heute vielmehr ein Nationalheld), so fragt man sich angesichts mancher Berichte in unseren Tagen, wie billig Propaganda eigentlich sein und wie tief man sinken kann. Selbst das Fußballspiel zwischen England und Iran wurde vom ZDF-Moderator zu einer lächerlichen Politpropagandashow umfunktioniert.[4]

Nach der Niederlage des iranischen Fußballteams gegen England schrieb die ARD-Korrespondentin Karin Senz doch tatsächlich in ihrem Artikel unter dem Titel “Eine Pleite lässt die Straße jubeln”:  “Im Iran hat die WM-Niederlage der Nationalelf für großen Jubel gesorgt.” Es herrsche Feststimmung im Iran, nach jedem Tor der Engländer wären die Straßen und Gassen im Iran vom Jubel erfüllt. Die Menschen schwenkten britische Fahnen und tanzten nach der Niederlage auf der Straße. [5] Man fasst sich an den Kopf und fragt sich, wer so etwas glaubt. Doch leider verhält es sich inzwischen so, dass das durch die Medien verbreitete Bild vom Iran längst erfolgreich in die Köpfe der Menschen eingepflanzt worden ist, sodass selbst der größte Unfug nicht mehr hinterfragt wird.

[1]     https://taz.de/Bericht-ueber-geheime-USA-Operationen-im-Iran/!5179713/
[2]     Das Video ist u.a. im sehenswerten Beitrag von Actuarium auf YouTube zu sehen: https://www.youtube.com/watch?v=AQ1-ZNTwT8U
[3]       https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/proteste-in-iran-wie-aktivisten-besonnene-kritiker-bedrohen-18443592.html
[4]     Näheres dazu: https://www.youtube.com/watch?v=yqiCxb_BCaw&t=4s
[5]      https://www.tagesschau.de/ausland/asien/iran-schweigen-hymne-101.html

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