Samstag , 21 September 2019

Kerbela und Imam Husain in der persischen und indo-muslimischen Literatur

Annemarie Schimmel

Ich  erinnere  mich  noch  an  die  tiefen  Eindrücke,  die  das  erste  persische  Gedicht  im  Zusammenhang mit  den  tragischen  Vorfällen  von  Kerbela  auf  mich  hinterliess.  Es  war  Qa’anis  Elegie,  die  mit  den Worten beginnt:

Was regnet es? Blut.

Wer? Die Augen.

Wie? Tag und Nacht.

Warum? Aus Trauer.

Trauer um wen?

Trauer um den König von Kerbela.

Dieses Gedicht, in seinem wundervollen Stil von Frage und  Antwort, sagt  viel über die dramatischen Geschehnisse und über die Gefühle, die fromme Muslime erleben,  wenn sie an den Märtyrertod des geliebten Prophetenenkels durch die Hand der umayyadischen Truppen denken.

Seit  frühester  Zeit  belegt  das  Thema  über  Leiden  und  Märtyrertum  eine  zentrale  Rolle  in  der Geschichte der Religion. Schon in den Mythen des alten Vorderen Orients hören wir vom Helden, der erschlagen wird, aber dessen Tod dann die Erneuerung des Lebens garantiert: Die Namen von Attis und Osiris aus der babylonischen bzw. ägyptischen Tradition sind die besten Beispiele für die Einsicht der  Antike,  dass  das  Leben  ohne  Tod  nicht  andauert  und  dass  das  Blut,  das  für  eine  heilige  Sache geopfert wird, kostbarer ist als alles andere. Opfer sind ein Mittel, um höhere und erhabenere Stadien des Lebens zu erlangen, oder Mitglieder der eigenen Familie zu opfern, erhöht den eigenen religiösen Status.  Die  biblische  und  koranische  Geschichte  von  Abraham,  der  ein  so  tiefes  Vertrauen  in  Gott hatte,  dass  er  ohne  zu  fragen  gewillt  war,  seinen  einzigen  Sohn  zu  opfern,  weist  auf  die  Bedeutung solcher  Opfer  hin.

lqbal  hatte  sicherlich  Recht,  als  er  in  einem  wohl  bekannten  Gedicht  in Bal-i  Jibril (1936)  das  Opfer  von  Isma’il  mit  dem  Märtyrertum  von  Husain  verknüpfte,  von  denen  der  eine  den Anfang und der andere das Ende der Geschichte der Ka‘ba bewirkte.

Wenn  wir  die  Bedeutung  von  Opfer  und  Leiden  für  die  Entwicklung  des  Menschen  berücksichtigen, überrascht  es  nicht  mehr,  dass  die  islamische  Geschichte  dem  Tod  auf  dem  Schlachtfeld  des geliebten Prophetenenkels Husain einen zentralen Ort beigemessen und es oft mit dem Gifttod seines älteren Bruders Hasan verknüpft hat. In der Volksliteratur finden wir oftmals beide, Hasan und Husain, wie sie an der Schlacht von Kerbela teilnehmen, was zwar historisch falsch, aber psychologisch richtig ist.

Spektrum Iran 4 – 2002

http://spektrum.irankultur.com/wp-content/uploads/2013/04/Kerbela-und-Imam-Hussein-in-persischer-und-indo-muslimischer-Literatur.pdf

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