Regierung aus der Sicht von Imam Ali (a)

Für Imam Ali (a.s.) weist das Regieren besondere Merkmale auf. Imam Ali (a.s.) denkt genau im Gegenteil zu denen, für die Machtergreifung jedes Mittel heilig ist. Aus seiner Sicht muss Regierung dazu dienen, dass die menschliche Gesellschaft neben einer materiellen auch eine immaterielle Weiterentwicklung erfährt und die Gerechtigkeit zum Zuge kommt. 

In den vielen Jahren, die Imam Ali (a.s.) an der Seite des Propheten war, hat er immer wieder seinen aufrichtigen Einsatz für den Islam gezeigt. Nach dem Propheten hat er kein anderes Ziel angestrebt als die Herrschaft des Rechtes und die Umsetzung der hohen Ziele des Propheten. Die Errichtung der religiösen Regierung war daher einer seiner wichtigsten Vorhaben. Die Ereignisse nach dem Verscheiden des Propheten hinderten Imam Ali jedoch 25 Jahre lang daran, das Kalifat zu übernehmen. Aber in den etwas mehr als 4 Jahren, in denen er regierte, hat er ein neues Denkmodell über das Regieren vorgestellt.  

Imam Ali (a.s.) hat die Regierung und Politik, welche der Prophet begründet hatte, wiederbelebt. Als er schließlich der Verwalter der Muslime wurde, wusste er, dass er unermüdlich danach streben muss, die Gesellschaft wieder auf den Weg des Propheten und des Korans zurückzubringen. 

In der Ansprache 131 im Nahdsch- ul Balagha sagt er über die Annahme der Regierungsverantwortung: 

„O Herr! Du weißt, dass das was ich getan habe, nicht dazu diente, dass ich an die Herrschaft gelangen und nicht darin begründet war, dass ich mir an von den niedrigen Besitztümer der Welt etwas beschaffe, sondern der Grund war der, dass ich die Anzeichen der Vernichtung der Religiosität beseitigen und Frieden und Heilung in den Städten zum Vorschein treten lasse, damit deine unterdrückten Diener in Sicherheit sind und die Gesetze und Bestimmungen, die in Vergessenheit gerieten, wieder durchgeführt werden.“   

 Für Imam Ali (a.s.) ist die Gerechtigkeit ein vitaler Grundsatz des Regierens und die Säule der Politik. In der Praxis hielt sich Imam Ali strikt an das Prinzip der Gerechtigkeit, auch wenn es einer Gruppe von Aristokraten nicht behagen und sie ihn behindern wollte. 

Die Gerechtigkeit ist eine breite Bahn, die für alle Platz hat und allen den Weg erleichtern, während Ungerechtigkeit eine Sackgasse ist, in der alle und auch   derjenige, der die Ungerechtigkeit auslöst, steckenbleiben. 

Eine Gesellschaft ohne praktizierte Gerechtigkeit ist von zahlreichen geistigen und emotionellen Konflikten geprägt und von Zersplitterung und Uneinigkeit bedroht. In dieser Gesellschaft geht der Geist der Einheit verloren und daher kann der Feind diese Gesellschaft beherrschen. 

Imam Ali (a.s.) hat mehrmals gesagt, dass er das Amt des Regenten akzeptiert hat, damit er das Recht aufstellen und das Unrecht bekämpfen kann.

Abdullah Ibn Abbas berichtet, dass er Imam Ali seine Schuhe flicken sah, und der Imam ihn fragt: „Wieviel sind diese Schuhe wert?“ Abdullah Ibn Abbas antwortete, dass man für diese alten Schuhe keinen Preis mehr festlegen könnte. Da sagte Ali: „Bei Gott, Regieren ist für mich nicht mehr wert als diese alten Schuhe es sind, es sei denn ich könnte ein Recht herstellen und ein Unrecht verhindern, wenn ich regiere.“ 

In diesem Zusammenhang hat Imam Ali a.s. in einem Brief Aschath Ibn Qeys, einen seiner Befehlshaber, gemahnt: „Die Regierung ist keine eroberte Beute und kein leckerer Bissen, der die zugefallen ist, sondern ein Pfand, mit dem dir eine große Verantwortung auf die Schultern gelegt wurde. Dein Vorgesetzter (Imam Ai) will, dass du die Rechte der Menschen beachtest und schützt. Du hast nicht das Recht, mit Gewalt und nach Belieben mit den Menschen umzugehen“ (Brief 5, Nahdsch-ul-Balagha). 

Eine der Notwendigkeiten einer volksfreundlichen und rechtschaffenen Regierung ist das immaterielle Bündnis zwischen dem Regenten und den Volksmassen. Ein Regent kann das erreichen, wenn er die Probleme der Menschen nachvollzieht, ihre Bedürfnisse kennt und aufgrund dieser Kenntnis versucht, alles für ihr Wohl zu tun. Außerdem soll sich die Masse des Volkes darauf verlassen können, dass er ihre Interessen hütet, damit sie umgekehrt seine Regierung begrüßen und akzeptieren. 

In diesem Zusammenhang hat Imam Ali (a.s.) in dem Brief 53 Nadschul- Balagha an seinen Befehlshaber Malek Aschtar diesem empfohlen, die Menschen zu lieben und freundlich und milde zu behandeln. Er mahnt ihn: „Nicht dass du wie ein Raubtier das Blut der Menschen vergießt, denn sie sind zwei Gruppen: Entweder sind sie deine Brüder in der Religion oder sie sind so wie du erschaffen. Aber sie begehen Fehler und sündigen, gewollt oder ungewollt. So verzeih ihnen, genauso wie du möchtest, dass Gott dir verzeiht und dir deine Sünden vergibt.“

Aus der Sicht Imam Alis wirkt sich das Regieren direkt und effektiv auf die Einheit der Glaubensgemeinde aus. In seiner Ansprache 146 im Nahdsch- ul Balagha verweist er auf die Politik welche Regierende zur Wahrung des Regierungssystems einsetzen und beschreibt deren Funktion für die Wahrung der Einheit unter dem Volk wie folgt: „ Der Regent ist im Verhältnis zum Volk wie ein Faden, auf dem Perlen aufgereiht sind, die er miteinander verbindet. Wenn dieser Faden zerreißt, werden die Perlen alle verstreut. Sie sind dann nicht mehr miteinander vereint.“ 

Mit diesem einfachen Vergleich zeigt Imam Ali, dass die Einheit des Volkes von der Existenz eines Oberhauptes abhängt, der ohne irgendwelche Unterschiede zu machen das Volk um eine gemeinsame Achse versammelt und ihre schädliche Streuung verhütet. 

Ein solcher Erfolg ist nicht jedem Regenten beschert, sondern eine rechtschaffene Lenkung ist notwendig, damit der Weg zur Einmütigkeit unter dem Volke geglättet wird. 

In Ansprache 40 des Nahdsch-ul-Balagha hat Imam Ali (a.s.) nach der Siffin-Schlacht zu den Chawaredsch gesagt: „ Mit Sicherheit brauchen die Menschen einen Vorsteher und Verwalter, unter dessen Regierung der Gläubige sich seinen immateriellen Angelegenheiten widmet und der Ungläubige in den Genuss der materiellen Segensgaben kommt.

Der Regent muss die Dinge, die in die Volkskasse gehören, einsammeln und gegen die Feinde kämpfen. Er muss dafür sorgen, dass die Straßen sicher sind und dass die Geschwächten sich ihr Recht bei den Unterdrückern holen können, es den Rechtschaffenen gut geht und sie vor den Schlechten sicher sind.“

Die Macht an sich ist für Imam Ali (a.s.) nichts wert sondern nur ein Mittel zur Erreichung menschlicher Ziele. Die Macht selber ist nicht das Ziel.

Imam Ali (a.s.) hat niemals etwas auf der Suche nach Macht getan. Er mühte sich auf Gottes Wegen um dessen Zufriedenheit zu erreichen. Von ihm stammt das Wort: „Wenn Gott nicht den Wissenden das Bündnis abgenommen hätte, dass sie angesichts der Esslust der Unterdrücker und dem Hunger der Unterdrückten nicht schweigen und untätig bleiben dürfen, hätte ich dem Kalifat den Zügel um den Hals gehängt, damit es sich verzieht, und ich hätte mich wie am ersten Tag ins Abseits gesetzt.“ ( Nadschul- Balagha Ansprache 3).

Imam Ali (a.s.) hat das Kalifat nur angenommen, um für das Wohl der Menschen zu sorgen.   Er hat selber nicht für die Machtergreifung geplant und solange die Menschen ihn nicht darum gebeten hatten, wollte er diese Macht nicht. Dies liegt daran, dass Macht in Wirklichkeit nur dann etwas wert ist, wenn die Gerechtigkeit verwirklicht wird und die Rechte der Menschen beachtet werden.

http://balaghah.net/old/nahj-htm/ger/belehrungen/main.htm

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