Zunächst mag es schwer zu glauben sein, dass es solch einen Ort im Iran gibt. Doch tief im riesigen Shadegan-Feuchtgebiet in der Provinz Chuzestan liegt ein Dorf, in dem das Wasser die Hauptstraße ist und Boote Autos ersetzen. Dieses Dorf heißt Sarakhieh (روستای صراخیه) und wird oft als das „Klein-Venedig“ des Iran bezeichnet.
Meine Reise nach Sarakhieh fühlte sich von Anfang an anders an. Nachdem ich berühmte historische Stätten Chuzestans wie Tschogha Zanbil, das historische Wasserbausystem von Schuschtar und das antike Susa passiert hatte, erreichte ich eine ruhige Landschaft mit Wasser, Schilf und Palmen.
Das Leben in Sarakhieh ist eng mit dem Wasser verbunden. Die Häuser schmiegen sich an schmale Wasserwege, und man kann sie nur mit kleinen Holzbooten, sogenannten Balam, erreichen. Als ich ein Boot betrat, offenbarte sich mir langsam das Dorf: einfache Häuser aus Lehm, Ziegeln und Zementblöcken, umgeben von Schilf und Palmblättern, die den jeweiligen Bereich jeder Familie abgrenzen. Die ruhige Bewegung des Bootes und die Spiegelung des Himmels auf dem Wasser schufen eine friedliche Atmosphäre.
Viele Dorfbewohner sprechen Arabisch und tragen einfache, traditionelle Kleidung. Ihr Leben ist eng mit dem Feuchtgebiet verbunden. Viele züchten Wasserbüffel, halten Gänse oder bestreiten ihren Lebensunterhalt mit Fischfang. Die Verbindung zwischen Mensch und Natur ist hier stark und im Alltag deutlich sichtbar.
Ein Besuch in Sarakhieh ist ohne eine Bootsfahrt unvollständig. Die Einheimischen heißen Besucher herzlich willkommen und führen sie gerne durch verschiedene Teile des Dorfes und das Feuchtgebiet. Unterwegs laden kleine, über dem Wasser errichtete Schilfhütten zum Verweilen oder Picknicken ein. Von Sarakhieh aus erreicht man mit dem Boot auch nahegelegene Dörfer wie Hadbeh und Khorusi-ye.
Fischfang ist sowohl Lebensgrundlage als auch Attraktion. Für Naturliebhaber ist die Beobachtung von Wildtieren ein weiteres Highlight. Mit etwas Glück können Besucher Wildschweine, Dschungelkatzen, Otter, Wölfe oder weidende Schafe in der Nähe des Feuchtgebiets entdecken. Die Gegend ist auch für ihre Vogelwelt bekannt. Flamingos, Reiher, Störche, Wildgänse und Enten leben hier, und eine seltene Entenart brütet ausschließlich in diesem Feuchtgebiet.
Neben der atemberaubenden Natur bietet Sarakhieh auch kleine kulturelle Erlebnisse. Auf einem lokalen Markt werden frischer Fisch und handgefertigte Waren der Dorfbewohner verkauft. Es gibt außerdem ein kleines Wildtiermuseum, in dem Besucher Wissenswertes über Zugvögel und ihre Jahreszeiten erfahren können. Eine der schlichten, aber eindrucksvollen Sehenswürdigkeiten des Dorfes ist eine Moschee ohne Kuppel oder Minarett, die aus lokalen Materialien erbaut und mit Schilf gedeckt ist.
Sarakhieh bietet grundlegende Einrichtungen für Besucher, darunter lokale Restaurants, Rastplätze aus Schilf und Palmblättern (bekannt als Mudhif), Pavillons, Parkplätze und ein Tourismuszentrum im westlichen Teil des Dorfes.
Da die Übernachtungsmöglichkeiten in Sarakhieh selbst begrenzt sind, entscheiden sich die meisten Reisenden für eine Unterkunft in nahegelegenen Städten. Ahvaz, etwa 110 Kilometer entfernt, ist eine praktische Option und bietet zudem eigene Sehenswürdigkeiten.
Die beste Reisezeit für Sarakhieh ist vom Spätherbst bis zum Spätwinter, wenn das Wetter milder ist. Viele Reisende kommen auch während der Nowruz-Feiertage, und der Winter ist ideal für Vogelbeobachtungen.
Sarakhieh ist von Abadan oder Ahvaz aus über Dar Khovein in Richtung Shadegan auf der Straße erreichbar. Abenteuerlustige Reisende können auch nahegelegene Dörfer ansteuern und die Reise mit dem Boot fortsetzen – eine längere, aber unvergessliche Route.
Sarakhieh mag klein sein, aber sein Erlebnis ist einzigartig. Das vom Wasser geprägte Leben, die herzliche Gastfreundschaft und die unberührte Natur machen es zu einem Reiseziel, das in Iran seinesgleichen sucht. Ein Ausflug in dieses „Klein-Venedig“ verspricht ein ruhiges, außergewöhnliches und unvergessliches Reiseerlebnis.
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