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Roland Pietsch: Rudolf Otto und seine Stellung zum Islam

Das Heilige gründet in der Wirklichkeit Gottes, die sich in vielen Erscheinungsformen kundgibt, – in der Stille und im leisen Windhauch bis zum Übermächtigen und ganz Anderem. Der evangelische Theologe Rudolf Otto hat diese Erscheinungsformen in den verschiedenen Religionen gründlich untersucht. Bevor diese im Folgenden dargestellt werden, wird zunächst ein kurzer Überblick über sein Leben und Werk gegeben und dann die Grundzüge seiner Phänomenologie des Heiligen dargelegt, gefolgt von seiner Stellung zum Islam.

Abstrakt:

Nach einem Überblick über Rudolf Ottos Leben und Werk werden die Grundzüge seiner Phänomenologie des Heiligen und ihre Deutungs- und Bewertungskategorien skizziert: das Kreaturgefühl, das Numinose, das Mysterium tremendum, das Fascinosum, das Ungeheure und das Augustum. Anschließend werden mit Hilfe dieser Kategorien die islamische Prädestination und die islamische Mystik untersucht so die Ausdrucksmittel des Numinosen herausgestellt. Schließlich wird Rudolf Ottos Stellung zum Islam anhand seiner Reiseberichte und seiner gesamten Schriften dargelegt.

  1. Leben und Werk

Louis Rudolph (später Rudolf) Otto wurde am 25. September 1869 als Sohn des Malzfabrikanten Wilhelm Otto und seiner Frau Katharina Karoline Henriette Sophie Reupke in Peine bei Hannover geboren. Er war das zwölfte von dreizehn Geschwistern. Im Jahr 1882 erwarb der Vater eine zweite Fabrik in Hildesheim. Deshalb zog die Familie nach Hildesheim um. Im gleichen Jahr starb der Vater. In Hildesheim trat Rudolf in das Gymnasium Andreanum ein. Nach dem Abitur im Jahr 1888 studierte er Theologie zunächst an der Universität Erlangen und ab 1891 an der Universität Göttingen. Noch vor seinem ersten Examen reist er im selben Jahr mit seinem Freund Karl Thimme nach Corfu und Griechenland, wo er das orthodoxe Klosterleben kennenlernt. 1895 unternimmt er wiederum mit Karl Thimme und seinem Studienfreund Hollmann, der die arabische Sprache beherrschte, eine Reise, die ihn nach Ägypten führt. In Kairo besucht er die koptische Kirche und trifft den Patriarchen der Kopten. In Kairo begegnet er auch zum ersten Mal dem Islam in Gestalt der tanzenden Derwische. Von Kairo ging die Reise weiter nach Jerusalem, nach Palästina und von dort auf den Berg Athos, wo er mehrere Klöster besuchte und den Hesychasmus kennenlernt. Nach seiner Rückkehr nach Göttingen wird er zum Inspektor am Theologischen Stift ernannt. Im Jahr 1898 promoviert er mit der Arbeit Geist und Wort nach Luther, Eine historisch-dogmatische Untersuchung zum Lic. theol. Nach einer Vorlesung über Kants Religionsbegriff erhält er die venia legendi für Geschichte der systematischen Theologie und für Religionswissenschaft und Religionsphilosophie. Damit wird er Privatdozent an der Universität Göttingen. Im Jahr 1900 reist er während der Semesterferien über Finnland nach Russland und besucht die Walamo-Klöster auf einer Insel des Onega-Sees. 1905 promoviert er in Tübingen mit der Dissertation: Naturalistische und religiöse Weltansicht zum Dr. phil. Im Jahr 1909 veröffentlicht er in Göttingen ein Lehrbuch für Theologiestudenten: Kantisch-Fries’sche Religionsphilosophie und ihre Anwendung auf die Theologie. 1911 reist er zuerst nach Marokko und dann weiter nach Indien, Burma und Japan, China und Russland.1915 wird er als Professor für systematische Theologie und Religionsphilosophie an die Universität in Breslau berufen und 1917 an die Universität Marburg. Im gleichen Jahr erscheint in Breslau sein Buch, dass ihn weltberühmt macht: Das Heilige. Über das Irrationale in der Idee des Göttlichen und sein Verhältnis zum Rationalen. Dieses Buch wurde in mehr als 25 Sprachen übersetzt, darunter im Jahr 2001 auch in die persische Sprache.

1923 erscheinen in Gotha seine Aufsätze: das Numinose betreffend.1926 veröffentlicht Rudolf Otto in Gotha sein berühmtes Buch West-Östliche Mystik, in welchem er die Mystik Meister Eckharts mit der Mystik des indischen Weisen Shankaracarya vergleicht. Mit dem schwedischen Pastor Birger Forell unternimmt er 1927-1928 seine zweite Reise nach Indien. Im Jahr 1932 erscheinen in München Sünde und Urschuld und Das Gefühl des Überweltlichen. Ebenfalls in München veröffentlicht er im Jahr 1934 sein letztes großes Buch: Reich Gottes und Menschensohn. Ein religionsgeschichtlicher Versuch. Neben seinen vielfältigen wissenschaftlichen Interessen und Tätigkeiten beschäftigt sich Rudolf Otto dem interreligiösen Dialog und hatte zu diesem Zweck in den Zwanzigerjahren den Religiösen Menschheitsbund gegründet (Choi, 2013), der als eine moralisch wirksame Entsprechung zum Völkerbund gedacht war. Wegen großer gesundheitlicher Probleme wird er 1927 auf eigenen Wunsch emeritiert. 1930 wurde er von Henry Corbin, der sich später im Besonderen dem schiitischen Islam widmete, besucht. Rudolf Otto stirbt am 7. März 1937 in Marburg (Schinzer, 1971), (Kraatz, 1999). Das Werk Ottos hat einen kaum zu überschätzenden Einfluß auf Theologen und Religionswissenschaftler in aller Welt ausgeübt. Aber auch Edmund Husserl und Martin Heidegger, die Begründer der philosophischen Phänomenologie, haben sich intensiv mit seiner Phänomenologie des Heiligen auseinandergesetzt.

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Autor:
Prof. Dr. Roland Pietsch: Ludwig-Maximilian-Universität München, Deutschland

Quelle: Spektrum Iran

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https://doi.org/10.22034/spektrum.2025.529618.1036

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