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Johann Wolfgang von Goethe und der West-östlicher Divan

Im Alter von 65 Jahren las Goethe erstmals die von Joseph von Hammer-Purgstall übersetzten Gedichte des persischen Dichters Hafis. „Er attestierte ihm eine ‚Übersicht des Weltwesens‘ und betrachtete sich fortan als dessen ‚Zwilling‘. Sein West-östlicher Divan (1819) ist eine Hommage an den persischen Dichterfürsten wie auch ein poetisches Zwiegespräch über die Länder und Jahrhunderte hinweg.“

West-östlicher Divan (erschienen 1819, erweitert 1827) ist die umfangreichste Gedichtsammlung von Johann Wolfgang von Goethe. Sie wurde durch die Werke des persischen Dichters Hafis inspiriert. Durch die Aufnahme des Goethe- und Schiller-Archivs der Klassik-Sammlung Weimar im Jahr 2001 ist Goethes Reinschrift des Werkes Teil des UNESCO-Weltdokumentenerbes.

Die Gedichtsammlung ist in zwölf Bücher eingeteilt. 1814 las Goethe den von dem Orientalisten Joseph von Hammer-Purgstall 1812 ins Deutsche übersetzten Dīwān des Hafis’.

Das lyrische Ich bei Goethe begegnet der persischen Dichtung mit Gelassenheit und betrachtet sie als gleichberechtigt:

Wer sich selbst und andre kennt
Wird auch hier erkennen:
Orient und Occident
Sind nicht mehr zu trennen.

Goethe brachte seine Begeisterung über Hafiz selbst zum Ausdruck:
Und mag die ganze Welt versinken,
Hafis, mit dir, mit dir allein
Will ich wetteifern! Lust und Pein
Sei uns, den Zwillingen, gemein!
Wie du zu lieben und zu trinken,
Das soll mein Stolz, mein Leben sein.

Im Erstdruck („Stuttgard, in der Cottaischen Buchhandlung 1819“) bestand die Sammlung aus folgenden Büchern und Abschnitten:

  1. Moganni Nameh – Buch des Sängers
  2. Hafis Nameh – Buch Hafis
  3. Usch Nameh – Buch der Liebe
  4. Tefkir Nameh – Buch der Betrachtungen
  5. Rendsch Nameh – Buch des Unmuths
  6. Hikmet – Nameh – Buch der Sprüche
  7. Timur Nameh – Buch des Timur
  8. Suleika Nameh – Buch Suleika
  9. Saki Nameh – Das Schenkenbuch
  10. Mathal Nameh – Buch der Parabeln
  11. Parsi Nameh – Buch des Parsen
  12. Chuld Nameh – Buch des Paradieses

Goethe über den Islam

Das lyrische Ich des West-östlichen Divans ist muslimisch, und in dem Werk werden muslimische Lehrmeinungen vorgestellt. Zum Beispiel:

Jesus fühlte rein und dachte
Nur den Einen Gott im Stillen;
Wer ihn selbst zum Gotte machte
kränkte seinen heil’gen Willen.
Und so muß das Rechte scheinen
Was auch Mahomet gelungen;
Nur durch den Begriff des Einen
Hat er alle Welt bezwungen.

Die muslimische Positionierung des lyrischen Ichs ist, der Haltung Hafis’ entsprechend, am ehesten der islamischen Mystik zuzuordnen. So wie Goethe Distanz zur christlichen Lehrmeinung hatte, bringt auch das lyrische Ich im West-östlichen Divan ironische Distanz zur orthodoxen Lehrmeinung des Islam und Nähe zur Mystik zum Ausdruck. So benutzt Goethe beispielsweise die Metapher des Weins, der auch bei den Sufis ein Symbol für die Berauschtheit eines Derwischs mit der Liebe Gottes ist:

Ob der Koran von Ewigkeit sei?
Darnach frag’ ich nicht! …
Daß er das Buch der Bücher sei
Glaub’ ich aus Mosleminen-Pflicht.
Dass aber der Wein von Ewigkeit sei,
Daran zweifl’ ich nicht;
Oder dass er vor den Engeln geschaffen sei,
Ist vielleicht auch kein Gedicht.
Der Trinkende, wie es auch immer sei,
Blickt Gott frischer ins Angesicht.

Das Werk kündet von Goethe Hochachtung gegenüber dem Islam und gegenüber dem Heiligen Qur’an, zum Beispiel in dem Gedicht Pfauenfeder:

Ich sah mit Staunen und Vergnügen
Eine Pfauenfeder im Koran liegen,
»Willkommen an dem heiligen Platz,
Der Erdgebilde höchster Schatz!
An dir, wie an des Himmels Sternen
Ist Gottes Größe im kleinen zu lernen
Dass er, der Welten überblickt,
Sein Auge hier hat aufgedrückt,
Und so den leichten Flaum geschmückt,
Dass Könige kaum unternahmen,
Die Pracht des Vogels nachzuahmen.
Bescheiden freue dich des Ruhms!
So bist du wert des Heiligtums.«

oder z.B. in:

Wofür ich Allah höchlich danke?
Dass er Leiden und Wissen getrennt.
Verzweifeln müsste jeder Kranke,
Das Übel kennend, wie der Arzt es kennt.

Närrisch, dass jeder in seinem Falle
Seine besondere Meinung preist!
Wenn Islam »Gott ergeben« heißt,
Im Islam leben und sterben wir alle.

Titelblatt und Frontispiz der Erstausgabe, von Carl Ermer in Kupfer gestochen. Der arabische Text lautet in wörtlicher Übersetzung: Der östliche Divan vom westlichen Verfasser. Von „Wikimedia: Foto H.-P.Haack“, CC BY-SA 3.0,
Goethes Reinschrift seines Gedichts Talismane
Kippenberg, Anton; Beutler, Ernst, eds. (1932). Goethe und seine Welt. Leipzig: Insel-Verlag. p. 202.

Quellen: 
https://de.wikipedia.org/wiki/West-%C3%B6stlicher_Divan
http://www.eslam.de/begriffe/w/west-oestlicher_diwan.htm

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