Samstag , 16 Oktober 2021
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Die Pforte der Weisheit von Friedrich Rückert

Weil der Prophet (s.) gesprochen hat:
Ich bin die Stadt der Weisheit, Ali aber ist die Pforte,
so wollten, die sich ärgerten am Worte,
Abtrünnige von Anzahl zehn,
die Proben solcher Weisheit sehn.

Sie sprachen: Lasst uns jeder einzeln fragen,
und wird er jedem gleiche Antwort sagen,
und jedem mit verschiednem Worte,
so soll er sehn der Weisheit Pforte,
ob andern Gütern vorzuzieh’n die Weisheit sei, das fraget ihn.

Und als ihn so der erste fragte,
war dies das Wort das Ali sagte:

Weisheit ist das Erbteil Gottgesandter,
Gut das Erbteil Gottverbannter.

Und als ihn so der andre fragte:

Hüten musst du deine Güter,
doch die Weisheit ist dein Hüter.

Und als ihn so der dritte fragte,
war dies das Wort das Ali sagte:

Güter sind durch Weisheit zu erwerben,
Weisheit nicht mit Güter zu vererben.

Und als ihn so der vierte fragte
war dies das Wort das Ali sagte:

Güter kannst du nicht dem Dieb verhehlen,
Weisheit kann dir keiner stehlen.

Und als ihn so der fünfte fragte,
war dies das Wort das Ali sagte:

Güter wird Gebrauch verzehren,
doch die Weisheit dienet er zu mehren.

Und als ihn so der sechste fragte,
war dies das Wort das Ali sagte:

Güter sind zum Bösen die Versucher,
Weisheit gottgefäll’ger Wucher.

Und als ihn so der siebente fragte,
war dies das Wort das Ali sagte:

Teilung macht die Güter kleiner,
Weisheit nur Mitteilung allgemeiner.

Und als ihn so der achte fragte,
war dies das Wort das Ali sagte:

Güter können selbst sich nicht erhalten,
Weisheit nur weiß Güter zu verwalten.

Und als ihn so der neunte fragte,
war dies das Wort das Ali sagte:

Ein Kamel kann Güter schwer fortbringen,
Weisheit hat des Vogels Schwingen.

Und als ihn so der zehnte fragte,
war dies das Wort das Ali sagte:

Güter machen finster im verstockten Herzen,
hell darin der Weisheit Herzen.

Die Frager zogen ab mit Schmach, doch Ali sprach:

Und würden sie mein Leben lang mich fragen,
das Gleiche würd‘ ich stets und immer anders sagen.

von Friedrich Rückert aus
Sieben Bücher morgenländischer Sagen und Geschichten“, Stuttgart 1837

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