Dienstag , 30 November 2021
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Utopische Literatur im Nahen Osten: Subversion oder Submission in Sa‘dīs politischen Ansichten in Atābegs und mongolischen Perioden[1]

MohammadAmir Jalali, Alireza Omidbakhsh | Abū Moḥammad Mūšarraf-al-Dīn Moṣleḥ ībn ‘Abd-Allāh Šīrāzī, bekannt als Sa‘dī (1210 – 1291 oder 1292), gilt als bedeutendste literarische Figur Irans im 13. Jahrhundert, d.h. in der Zeit, wo Mongolen Iran angreifen. Sa‘dī unterscheidet sich unter anderem dadurch, dass er mit seinen Werken der iranischen Kultur bzw. der iranischen nationalen Identität ein neues Leben einhaucht. Er ist nicht nur Dichter oder Künstler, sondern auch jener Denker und Sozialreformer, in dessen Werken man auf tiefgründige mannigfaltige Ansichten über Mensch, Moral (individuelle oder sozial-kollektive), Gesellschaft und Politik stoßt. Im Großen und Ganzen lässt sich die praktische Weisheit (ekmat-e ‘amalī), wie bei iranischen Denkern gedacht worden ist, in drei Kategorien unterteilen: die persönliche Ethik (tahdīb-e alāq), die Haus- oder Innenpolitik (sīyāsat-e manzel) und die Außenpolitik (sīyāsat-e modon). Diese letzte Kategorie bezieht sich auf die Herrschaftsweise, d.h. auf die Art und Weise, wie Herrscher an das Volk herangehen müssen, m.a.W. sie geht auf einen utopischen Entwurf des idealen Herrschens sowie des idealen Herrschers ein. Durch seine präzisen und originellen Vorstellungen, durch seine tiefgründigen persönlichen Überlegungen, aber auch durch Erfahrungen aus vielen Reisen leistet Sa‘dī grundlegende Beiträge zur Theoretisierung und Konstitution der idealen und praktischen Methoden der Herrschaftsführung.

Seine politischen Hauptgedanken und utopischen Prinzipien, die zweifelsohne allesamt auch politischer Natur sind, bringt Sa‘dī deutlich in seinen beiden bekanntesten Werken, nämlich im Būstān (1257) (The Orchard“) und im Golestān (1258), (The Rose Gardern) zum Ausdruck. Das erste Kapitel vom Būstān befasst sich mit „Gerechtigkeit“ und das erste Kapitel vom Golestān mit „Bräuchen der Könige“. Die Ideen, die dabei behandelt werden, weisen Affinitäten zu Platons „Philosophenkönig“ auf, was von vornherein besagt, inwiefern Sa‘dīs utopische Ansichten politisch und gleichzeitig pragmatisch sind und wie sie auf die Verbesserung des Verhältnisses zwischen dem Herrscher und dem Beherrschten als das wichtigste Prinzip der Bildung eines utopischen Staates abgezielt sind.

Im Westen lernt man Sa‘dī durch eine unvollständige französische Übersetzung des Golestān von André du Ryer (1634) kennen, auf deren Grundlage Friedrich Ochsenbach eine deutsche Übersetzung (1636) (Lewis, 2012: 79-86) angefertigt hat. Später bereitet Georgius Gentius eine lateinische Version vor, die mit einem persischen Begleittext (1651) (Ebd) versehen war. Adam Olearius legt eine deutsche Übersetzung vor, die zugleich als die erste unmittelbar aus dem Persischen übersetzte deutsche Übersetzung eines persischen Werkes zu betrachten ist. Darauf stützt J. V. Duisberg eine niederländische Fassung (1654) (Ebd). Dank solcher Übersetzungen inspiriert Sa‘dī viele Denker der Aufklärung, darunter Marie François Sa’dī Carnot, den französischen Staatsmann, der von 1887 bis zu seiner Ermordung 1894 als Präsident Frankreichs im Amt war (Hadīdī, 1994: 303-305). Aus einem „anderen“ Standpunkt ist ein weiteres interessantes Beispiel für die politische Lesart Sa‘dīs die lateinische Übersetzung des Golestān im 17. Jahrhundert (1680 lithographiert), deren Kopie in der Bibliothek der Universität Leiden in den Niederlanden aufbewahrt wird (vgl. Sa‘dī). Der Titel dieser Übersetzung des Golestān lautet „Rosarium Politicum“, was nichts anderes bedeutet als „Politischer Golestān“.

Der vorliegende Artikel untersucht Sa‘dīs politische Ansichten und ihre Beziehungen zu seinen zeitgenössischen Herrschern in zwei Perioden: Eine erste Periode in der Ära von Atābegs von Fārs, von 1257, d.h. Abeš Ḫātūns Thronbesteigung bis 1264, d.h. bis zum Niedergang von Atābegs, und eine zweite Periode von 1264 bis zur Herrschaft der Mongolen 1291 oder 1292, die mit dem Tod Sa‘dī zusammenfällt.

1.1. Forschungsfragen

Die Forschungsfragen des vorliegenden Artikels sind wie folgt: Wie ist Sa‘dīs politische Kritik in seinen Werken an der zu seiner Zeit aktuellen Situation gestaltet, indem er die Herrschaft seiner Zeit ins Visier nimmt? Was sind nach Sa‘dīs Entwurf einer idealen Herrschaft die Pflichten des Herrschers gegenüber dem Volk? Wie wird die Beziehung zwischen dem Herrscher und dem Volk in Sa‘dīs Werken beschrieben und dargestellt? Ist Henri Mases Ansicht, Sa‘dī trete „eindeutig für Monarchie und Ordnung“ ein, richtig?

http://spektrum.irankultur.com/wp-content/uploads/2021/04/6-Utopische-Literatur-im-Nahen-Osten.pdf

Übersetzung aus dem Persischen von Masoud Pourahmadali Tochahi, Assistenzprofessor an der Allame Tabataba’i University, Institut für Germanistik, Teheran, Iran. E-Mail: mptochahi@atu.ac.ir.

MohammadAmir Jalali: Assistenzprofessor für persische Sprache und Literatur, Allameh Tabataba’i University, Teheran, Iran. Gastprofessor an der Pekin University, E-Mail: m.jalali@atu.ac.ir.
Alireza Omidbakhsh: Assistenzprofessor für Englische Sprache und Literatur, Allameh Tabataba’i University, Teheran, Iran. E-Mail: a.omid@atu.ac.ir.

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