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Islamische Philosophie und das Verhältnis zwischen Iran und Europa | Reza Davari Ardakani 

Im Namen Gottes, des Gottes des Lebens und Denkens,
den die Gedanken nicht überragen können.
(Ferdosi)

Islamische Philosophie und das Verhältnis zwischen Iran und Europa

Reza Davari Ardakani 

Es ist mir eine große Freude, dass ich die Gelegenheit habe, hier einige Punkte bezüglich Vergangenheit und Zukunft der interkulturellen Situation in der islamischen Philosophie erörtern und auf deren Unterschiede zur Philosophie ihrer griechischen Lehrer bzw. der Begründer der Philosophie eingehen zu können. Ich bedauere, dass ich an Ihrer wichtigen Tagung nicht teilnehmen kann. Gerne hätte ich das unvergessliche Treffen mit Prof. Georg Stengers wiederholt und wäre jetzt gern bei ihm sowie den anderen verehrten teilnehmenden Professoren und Forschern.

Wir wissen zu welchem großen Wandel die Philosophie in der Menschheitsgeschichte beigetragen und welche große Wirkung sie auf die Annäherung der Kulturen und das Entstehen einer Weltkultur gehabt hat. Es ist zwar richtig, dass das Geschichtsdenken am Anfang des philosophischen Denkens keine große Bedeutung hatte und erst in der Neuzeit entstanden ist, aber die Philosophie gehörte schon seit ihrem Anfang zu Geschichte und Kultur. Der Blick auf die Werke von Platon und Aristoteles zeigt, dass ihr Denken offensichtlich auf die griechische Paideia gerichtet ist, um die beste Lebensweise in der bestmöglichen Polis zu entwerfen. Wenn Aristoteles sagt, dass die Theologie die ehrwürdigste Wissenschaft sei, denn sie sei ein nutzloses Wissen, dann will er damit nicht sagen, dass diese Wissenschaft sich nicht auf die Existenz und das Leben des Menschen beziehe, sondern Aristoteles war der Ansicht, dass die Vollendung des Menschen nicht im Nützlichen liege, sondern darüber hinausgeht. Die Wissenschaft besteht für den Philosophen nicht aus verschiedenen und voneinander getrennten wissenswerten Dingen, sondern die Wissenschaft stellt für ihn eine Einheit dar, die die verschiedenen Grade des Seins von den niedersten Stufen bis zu den höchsten umfasst. Als unsere Vorfahren in Persien sich der griechischen Philosophie widmeten und begannen, sich diese anzueignen, (und diese Zuwendung ist an sich ein bedeutendes Ereignis und soll eigens überlegt werden), dann haben sie die Substanz der griechischen Philosophie zwar bewahrt, deren Grundlagen und Probleme jedoch entsprechend dem Verständnis ihrer eigenen Welt begriffen und interpretiert. So entstand die islamische Philosophie aus der Begegnung von zwei Kulturen und zwei Weisen des Geistes, die wesentlich unterschiedlich waren. Einige Philosophen und Autoren haben diesen wesentlichen Unterschied ausdrücklich hervorgehoben. Die zwei Weisen des Geistes näherten sich durch die islamische Philosophie an und erreichten dadurch die Möglichkeit, miteinander ins Gespräch zu kommen. Angesichts dessen ist die islamische Philosophie an sich eine interkulturelle Philosophie. Nach Platon und Aristoteles bzw. seit den Stoikern und Plotin sind alle Philosophien bereits interkulturell. Allerdings, in Zeiten in denen die Philosophie in Starrheit und Äußerlichkeit gerät, verliert sie ihre kulturelle Kraft. Derzeit schwächt sich die Kraft der Philosophie ab, aber man kann weiterhin auf die Wirkung dieser Kraft hoffen. Es wäre wünschenswert, wenn die Philosophen gemeinsam über die geistige Situation in den weniger entwickelten Ländern und deren Verhältnis zur westlich-modernen Welt nachdenken würden und dabei die Bedingungen der Möglichkeit für einen Ausweg aus der Unterentwicklung untersuchen würden. Unterentwicklung ist nicht nur eine Angelegenheit dieser oder jener Region, vielmehr hängt das Schicksal der heutigen Welt davon ab. Unterentwicklung beschränkt sich nicht nur auf die wirtschaftliche und soziale Ebene, sondern sie ist eine kulturelle, insbesondere eine interkulturelle Angelegenheit. Die unterentwickelten Länder sind zwischen der alten und neuen Welt stehen geblieben und bedürfen eines Denkens, das ihnen einen Ausweg aus dieser Lage zeigen kann. Aus diesem Grund braucht die ganze Welt und brauchen wir alle die Philosophie. Wir können daher unsere Hoffnung auf die Philosophie nicht aufgeben. 

PDF: http://spektrum.irankultur.com/wp-content/uploads/2024/02/Islamische-Philosophie-und-das-Verh%C3%A4ltnis-zwischen-Iran-und-Europa-Ardakani.pdf

Quelle: SPEKTRUM IRAN 36. Jahrgang 2023, Heft 3/4

http://spektrum.irankultur.com/?p=3745&lang=de

Reza Davari Ardakani, Teheran Universität und ehemaliger Präsident der Iranischen Akademie der Wissenschaften, Tehran, Iran, E-mail: rdavari@ias.ac.ir.

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