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Blatt aus einer Koranhandschrift des 9. Jahrhunderts in kufischer Schrift. Quelle: picture-alliance / akg-images /

Über die Notwendigkeit einer neuen Übersetzung des Korans in die deutsche Sprache – Teil II

von Mahdi Esfahani, Michael Nestler | Erschienen in Spektrum Iran 3/4-2021

4. Grammatische und rhetorische Strukturen des Korans
Es liegt auf der Hand, dass die Beachtung der grammatischen und rhetorischen Strukturen des Korans dabei hilft, eine genauere Übersetzung zu finden. Dabei ist es vor allem wichtig, der schlichten Sprachschönheit des Korans treu zu bleiben, indem man nichts hinzufügt, was nicht auch im Originaltext vorhanden wäre, zum Beispiel durch zusätzliche Worte, die der näheren Erläuterung dienen sollen, da man auf diese Weise die Originalität des Textes eher entstellen würde, als dass man zu einem besseren Verständnis des Korans beitrüge (vgl. hierzu Nr. 16 in den folgenden Beispielen). Dies gilt auch für die Reihenfolge der Worte, wie sie im Ausgangstext erscheinen, das heißt, soweit es eben möglich ist, diese im Deutschen beizubehalten, da sich damit nicht nur ästhetische, sondern auch inhaltliche Aspekte verbinden lassen. Von besonderer Bedeutung aber ist es, dass Worte, die im Arabischen auf eine gemeinsame Wurzel zurückgehen oder die sich wiederholen, auch in der deutschen Übersetzung entsprechend wiedererkennbar und einheitlich übertragen werden. Damit ist gemeint, dass alle arabischen Wortableitungen, die einer gemeinsamen Wurzel entstammen, in einer Übersetzung insofern Berücksichtigung finden, dass der gemeinsame Sinnzusammenhang durch eine entsprechende einheitliche Wortwahl und Wiedergabe gewahrt bleibt, da hierin ein entscheidender Schlüssel für ein tieferes Koranverständnis liegt. Denn wird dieser Sinnzusammenhang übergangen, dann bleiben dem deutschen Leser wesentliche inhaltliche Aspekte vorenthalten, was schließlich zu einer mangelhaften, wenn nicht sogar zu einer falschen Betrachtung mancher Themen innerhalb des Korans führen kann (vgl. hierzu Nr. 19 u. 20 in den folgenden Beispielen). Dies gilt insbesondere für die zahlreichen Schlüsselbegriffe und ihre kontextbedingte Bedeutungsentwicklung, denn ihr häufiges und wiederholtes Auftreten im Korantext ermöglicht es dem Rezipienten, immer wieder neue inhaltliche Assoziationen und Zusammenhänge herzustellen, die für ein umfassenderes und fortschreitendes Verständnis inner-koranischer Konzeptionen wichtig und notwendig erscheinen.
Der Gedanke, der dieser Methode vorangeht, besitzt verschiedene Ebenen. In erster Linie ist zu beachten, wenn der Koran beispielsweise die Wortfamilie der Wurzel ʿ-q-l (ﻝ-ﻕ-ﻉ) in 49 Fällen verwendet, dass diese Wurzel mit ihren verschiedenen Gesichtern in einer Übersetzung zum Ausdruck kommt, indem sich die Grundbedeutung der Wurzel in allen 49 Fällen weitestgehend einheitlich widerspiegelt. Darüber hinaus sind alle koranischen Wurzeln in einem Netz innerer Beziehungen miteinander verbunden. Auch diesem Netzwerk an Beziehungen von Worten untereinander, die zu unterschiedlichen Wortstämmen gehören, gilt es in einer Übersetzung Beachtung zu schenken, indem man sich darum bemüht, die einzelnen koranischen Begriffe und ihre „familiären“ Wortableitungen möglichst kohärent wiederzugeben, damit diese Verbindungen, die sehr weitreichend und fein sein können, im Zieltext deutlich nachvollziehbar bleiben. So stellt der Koran zum Beispiel in vielen Fällen einen Zusammenhang zwischen den Worten raḥīm (رحیم) und muʾmin (مؤمن) her. Wird nun in einer Übersetzung die gemeinsame Wurzel von raḥīm ((رحیم und raḥma (رحمة) vernachlässigt, so dass sie im Text keine dauerhafte und einheitliche Entsprechung besitzt, dann ist es für den deutschen Leser nicht möglich, eine Verbindung zwischen raḥma und muʾmin herzustellen, was schließlich dazu führt, dass ein Teil des Netzes an inneren und inhaltlichen Beziehungen unerkannt bleibt und verloren geht.

http://spektrum.irankultur.com/wp-content/uploads/2021/12/4-%C3%9Cber-die-Notwendigkeit-einer-neuen-%C3%9Cbersetzung-des-Korans-in-die-deutsche-Sprache-%E2%80%93-Teil-II.pdf

 

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