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„Selbstbildung, Gesellschaftsumschaffung und Zivilisationsherausbildung“ im postrevolutionären Iran

Eine Überblicksdarstellung der „Erklärung des zweiten Schritts der Revolution“ von Ajatollah Khamenei mit abschließendem Augenmerk auf einigen kulturpolitischen Aspekten

Mehrdad Saeedi[1]Einleitung

Zum 40. Jubiläum der Islamischen Revolution in Iran erschien am 11. Februar 2019 vom iranischen Revolutionsführer Ajatollah Seyed Ali Khamenei, anstelle einer alljährlichen Dankesbotschaft an die Nation ein neues Revolutionsmanifest, das sog. Manifest des Zweiten Schritts. Darin gab Ajatollah Khamene´i bekannt, dass die Islamische Revolution in Iran in eine neue Evolutionsphase tritt, die wesentlich entscheidender sei als die erste 40-jährige Phase bzw. des „Ersten Schritts“ im historischen Aufbauprozess der Neuislamischen Zivilisation. Dies soll der vorliegende Beitrag in Anlehnung an den genauen Wortlaut des Manifests veranschaulichen. Hierfür werden die dem Manifest zugrundeliegenden zentralen Grundbegriffe Selbstbildung“, „Gesellschaftsumschaffung“ und „Zivilisationsherausbildung“ aus der Textperspektive heraus dargestellt und kommentiert. Der Schwerpunkt des Beitrags liegt aber auf der hervorhebenden Darstellung der kulturpolitischen Aspekte des Manifests. Dementsprechend lautet das Hauptziel dieses Beitrags, das zweifelsohne seit 1979 zu den aktuellsten und wichtigsten Dokumenten der iranischen Kulturpolitik gehörende Manifest dem deutschsprachigen Leser als interessiertem Kulturdialogpartner näher zu bringen und bei ihm für mögliche kulturdialogbezogene Probleme Bewusstsein zu schaffen.

Zur Struktur des vorliegenden Beitrags lässt sich anmerken, dass zuerst unter dem Abschnitt „Allgemeines über das Manifest“ einige Informationen rund um das Dokument und dessen Verfasser in knapper Form dargeboten werden, dann unter „Struktur und Inhalt“ diese Textaspekte mittels längerer Zitaten beschrieben werden und dabei die kulturpolitischen Themen als den für diesen Beitrag ausgewählten Schwerpunkt am Ende besondere Beachtung bekommen. Im Fazit wird schließlich auf die zu Beginn gestellte Frage in Bezug auf die größere Bedeutung der zweiten Phase der Islamischen Revolution in Iran seit 2019 in Relation zur ersten Phase der ersten 40 Jahre nach 1979 eingegangen und das Ergebnis anhand eines Beispiels in Beziehung zur Kulturpolitik im Denken des geistigen Führers der Islamischen Republik Iran gesetzt.

  1. Allgemeines über das Manifest

Die folgenden Eckdaten und Erklärungen beziehen sich auf die allgemeinen Merkmale und Besonderheiten des Manifests wie formale Textaspekte sowie auf den Autor, seine Intention und Zielgruppe.

Der Vollständige Titel des neuen Revolutionsmanifests auf dem Deckblatt des Dokuments lautet: „Erklärung des Zweiten Schritts
der Revolution an die iranische Nation“. Weiter heißt es unter dem Titel: „Anlässlich des 40. Jubiläums des Sieges der Islamischen Revolution, abgegeben von seiner Hoheit Ajatollah Khamenei, dem Führer der Islamischen Revolution am 22.11.1397 [entspricht dem 11. Februar 2019]“. Das Manifest umfasst 12 Seiten einschließlich des folgenden Deckblattes:

Abbildung 1: Offizielles Logo auf dem Deckblatt der „Erklärung des Zweiten Schritts der Revolution an die iranische Nation“[2]
Das offizielle Logo ist kalligrafischer Art persischer Ausrichtung: Es gibt eine senkrechte iranische Flagge anstelle des ersten Teilbuchstaben des persischen Manifestnamens „Gam-e Dovvom“ (´Der Zweite Schritt´) zusammen mit diesem Namen in Nastaliq, einer prominenten Stilart in der persischen Kalligraphie-Kunst, wieder. Die geometrische Form des Kalligraphie-Rahmens mit runden Ecken erinnert an ähnliche Formen in der iranisch-islamischen Baukunst, etwa die Eingangsfassade der historischen Freitagsmoschee von Isfahan.

Abbildung 2: Bildausschnitt[3] der Freitagsmoschee von Isfahan, auch bekannt als die Dschame-Moschee  bzw. Atiq-Moschee (´Antike Moschee´) von Isfahan, erbaut im 8. Jahrhundert und seit 2012 ein Weltkulturerbe, gilt als eine der ältesten und architekturgeschichtlich bedeutendsten Moscheen Irans.[4]
Der Autor des Manifests ist wie im Titelbereich des Dokuments enthalten, Ajatollah Sejjed Ali Khamenei (geb. 1939), der zweite politische und geistige Führer der Islamischen Republik Iran nach dem Tod vom Gründer der Republik und Theoretiker der politischen Herrschaft des Rechtsgelehrten in einem islamischen Staat, Ajatollah Sejjed Ruhollah Khomeini (1902-1989). In seinem 80. Lebensjahr schreibt Ajatollah Khamenei zum 40. Jubiläum des Sieges der Islamischen Revolution an die iranische Nation mit der vordergründigen Absicht, den 40. Geburtstag der Islamischen Revolution zu feiern. Dabei kommt der Zahl 40 eine besondere Bedeutung zu: Die Zahl 40 steht symbolisch im iranischen bzw. islamisch-mystischen Verständnis für eine Zäsur, das gute Ende einer bestimmten Entwicklungsstufe im Leben eines Menschen, oder für einen idealen Zeitpunkt, der höchster geistiger Reife gleichkommt.[5] In diesem Sinne widmet sich Ajatollah Khamenei im Manifest dem Schwerpunktthema der Erfolge der Islamischen Revolution seit 1979. Er will diese Erfolge ins kollektive Gedächtnis der Iraner rufen, die unter zunehmenden umfassenden Sanktionen des Westen leiden und immer mehr junge Iraner ihren Traum einer Auswanderung ins westliche Ausland realisieren. Ajatollah Khamenei will gerade diese jungen Iraner durch faktenbasiertes Denken und weitsichtige Empfehlungen dazu ermutigen, dass sie mit Blick auf die mühsam erzielten Erfolge der letzten Jahrzehnte hoffnungsvoll in die Zukunft blicken und ihrem Land nicht voreilig den Rücken kehren:

Nun am Anfang des neuen Kapitels im Leben der Islamischen Republik, möchte ich [d. h. Ajatollah Khamenei], dieser nichtige Diener Gottes [d. h. in demütiger Weise gesagt, nur einer unter vielen Dienern Gottes], zu meinen lieben jungen Iranern sprechen, zu einer Generation, die das Feld der Tat betritt, um mit einem anderen Teil des großen Dschihads [d. h. nationale Kampagne] des Aufbaus des großartigen islamischen Iran zu beginnen.[6]

  1. Struktur und Inhalt

Das 12-seitige Dokument besteht aus einem Deckblatt, das bereits oben kurz behandelt wurde, einem Vorwort und dem eigentlichen aus vier inhaltlich kohärenten Unterteilen bestehenden Manifesttext, die im Folgenden nacheinander inhaltlich vorgestellt werden. Die formalen Grenzen dieser vier Unterteile zueinander sind aufgrund der vielen, nicht ursprünglich im Originaltext vom Verfasser enthaltenen und im Nachhinein vom Herausgeber hinzugefügten Überschriften sowie wegen der zugleich unterschiedlichen Listenstile, d. h. Verwendung von Dreiecken im Quadrat und Nummerierungen, womöglich etwas unklar. Inhaltlich ist aber der Text insgesamt gut strukturiert und gerade dank der vielen Überschriften zumindest schnell und leicht zu überfliegen.

Quelle: Spektrum Iran 35. Jg. – Nr. 1/2–2022

http://spektrum.irankultur.com/wp-content/uploads/2022/07/%E2%80%9ESelbstbildung-Gesellschaftsumschaffung-und-Zivilisationsherausbildung%E2%80%9C-im-postrevolution%C3%A4ren-Iran.pdf

 

[1]. Linguist und Kulturforscher mit Schwerpunkt auf dem persischen Sprachraum in West- und Zentralasien, zur Zeit unabhängiger Postdoc in Kultur- und Sprachenpolitik in Deutschland und Iran, Email: mehrdad.saeedi@outlook.de

[2]. https://idc0-cdn0.khamenei.ir/ndata/news/41673/971122_بیانیه%20گام%20دوم %20انقلاب.pdf?nf (Abrufdatum: 08.01.2022).

[3]. https://de.wikipedia.org/wiki/Freitagsmoschee_von_Isfahan#/media/Datei:Gran _Mezquita_de_Isfahán,_Isfahán,_Irán,_2016-09-20,_DD_27.jpg (Abrufdatum: 13.01. 2022)

[4]. Für einen Überblick über die Architekturgeschichte der Freitagsmoschee von Isfahan s. Laleh: https://www.cgie.org.ir/fa/article/230733/اصفهان،-مسجد-جامع (Abrufdatum: 13.01.2022)

[5]. Musapur: https://rch.ac.ir/article/Details/9257?چهل (Abrufdatum: 09.01.2022)

[6]. Khamenei 1397[2019]: S. 4.

[7]. https://farsi.khamenei.ir/gaam2/ (Abrufdatum: 08.01.2022).

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